Geschichte der Russlanddeutschen

Auswanderung der Deutschen

Teil III 1917 - 1955

Die Russlanddeutschen unter der Sowjetmacht

3 Stalinistische Herrschaft und Russlanddeutsche

3.1 Kollektivierung, Entkulakisierung und daraus resultierende Hungersnot 1932/33 und die Russlanddeutschen

3.1.3 Die Hungersnot 1932/33

3.1.3.3 Aus Erinnerungen der Frieda Reimann

  "Tagsüber war ich, wenn die anderen Erwachsenen zur Arbeit und meine Brüder in der Schule waren, meistens mit der Großmutter allein zu Hause. Sie erzählte mir viel aus der Vergangenheit, von den Urgroßeltern und deren Eltern. Sie waren vor Generationen aus Süddeutschland, aus Bayern oder Baden-Württemberg, nach Russland und ins Wolgagebiet gekommen. Und Großmutter sprach häufig von der großen Hungersnot am Anfang der 30er Jahre. Die Bauern mussten viel Getreide abgeben, um den ihnen vorgegebenen staatlichen Plan zu erfüllen. Sie lieferten so viel ab, bis sie fast gar nichts für sich selbst hatten. Ein großer Teil des abgelieferten Getreides, so meinte Großmutter, ist auf dem Transport in die Städte und andere Gebiete liegen geblieben und verdorben. Als dann die Hungersnot ausbrach, sind fremde Leute mit Polizisten, mit "Flintenputzern", ins Dorf gekommen und haben auch noch das letzte Getreide aufgespürt und mitgenommen. Mit spitzen, langen Stäben, die innen hohl waren, haben sie in die Erde gestochen und nach verstecktem Korn gesucht. Auch meinem Vater, den Schmied, haben sie angestellt und zu ihm gesagt: "Du kennst die Leute hier. Sag ihnen, sie müssen alles hergeben, und gib Acht, dass sie auch wirklich alles rausrücken." Vater war in einer Zwickmühle. Was sollte er tun? Er riet den Leuten, weiteres Getreide bereitzustellen und nur den Rest zum Überleben, die eiserne Ration sozusagen, sicher zu verstecken. "Macht es so, sonst lassen sie uns nicht in Ruhe und nehmen uns auch noch die letzten Körner zum Überleben weg." Doch die Behörden waren meistens unerbittlich. Von einem Mann erzählte Vater, der ganz normal ein Pud Hirse für seine Familie gekauft hatte. Auch das haben sie ihm weggenommen, alles. Nichts blieb ihnen mehr. Viele Leute sind in den Hungerjahren gestorben, vor allem Leute in der Stadt, aber auch bei uns auf dem Lande. Meine Großeltern und Eltern hatten das mit eigenen Augen gesehen."

(Kulturarchiv der Russlanddeutschen)

 
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