Geschichte der Russlanddeutschen

Auswanderung der Deutschen

Teil III 1917 - 1955

Die Russlanddeutschen unter der Sowjetmacht

3 Stalinistische Herrschaft und Russlanddeutsche

3.1 Kollektivierung, Entkulakisierung und daraus resultierende Hungersnot 1932/33 und die Russlanddeutschen

3.1.3 Die Hungersnot 1932/33

3.1.3.1 Aus den Erinnerungen des Otto Dreit

  "Zu meinen Kindheitserinnerungen gehören auch die schrecklichen Bilder von der großen Hungersnot 1932/33. In jenem Winter sah ich in den Straßen, auf dem Bahnhof viele hungernde Menschen. Frauen mit Säuglingen, Invaliden, Alte, aber auch Kinder und junge Leute zogen bettelnd durch die Stadt. Nirgendwo gab es mehr Hunde und Katzen, selbst das sonst lustige Tschilpen der Spatzen war nicht mehr zu hören. Sie waren längst in den Kochtöpfen der Hungernden gelandet. Eine gespenstische Welt! Kraftlose Menschen wühlten im Müll und in Abfallhaufen, in der Hoffnung, doch noch etwas Essbares zu finden. Ob es Kartoffelschalen, verfaultes Obst oder schimmliges Brot war - alles wurde mit Heißhunger verschlungen. Wer zählte schon die Sterbenden, für die das der letzte Bissen war? Ich sah morgens die Marktarbeiter, wie sie die Wagen mit den Toten beluden und sie aus der Stadt karrten. Niemals werde ich den Anblick vergessen, denn es gab nicht einmal mehr richtige Tücher, um die Toten zu bedecken.

In unserem Hinterhaus wohnte der Hausmeister, ein Deutscher. Mit seiner Frau, einer Russin, hatte er vier Kinder. Wir Jungs nannten ihn immer nur Onkel Paul. Ausgangs des Hungerwinters, wohl so im März, kam er früh in unsere Wohnung. Ich hätte ihn fast nicht erkannt. Fahlbleich, abgemagert zum Skelett mit tief liegenden Augen stand er in unserer Küche und bat meine Mutter mit leiser, zitternder Stimme um ein Stück Brot. Mutter fragte ihn gleich nach der Frau und den Kindern. Weinend erzählte er, dass Gott sie zu sich genommen habe. Seit drei Tagen hätte er nichts mehr gegessen, er könnte es nicht mehr aushalten. Obwohl ich noch ein Kind war, bemerkte ich sehr deutlich, wie er sich des Bettelns wegen schämte. Unsere Essenration war auch äußerst knapp. Mutter teilte jedem ein kleines Stück Brot am Morgen zu, für den älteren Bruder, der arbeiten ging, hatte sie die Ration im Schrank verschlossen. Wortlos ging sie nun, als sie das Elend des Hausmeisters sah, und schnitt für ihn die Hälfte des für den Bruder bestimmten Brotes ab. Onkel Paul dankte mit Tränen in den Augen. Den angebotenen Tee lehnte er ab. Er wankte, sich mit der Hand an der Wand haltend, auf den Hof. Wenig später ging ich zur Schule und sah ihn am Tor auf der Bank sitzend. Einen Bissen Brot hatte er noch im Mund, das restliche hielt er fest in der Hand. Vor Entkräftung war er eingeschlafen. Als ich am Mittag aus der Schule nach Hause zurückkam, saß er noch immer so da, mit dem Brotkrumen im Mund. Nur das Stückchen Brot war ihm inzwischen von einem anderen Hungrigen aus der Hand genommen worden. Ich stand eine Weile vor ihm, ohne zu begreifen, was passiert war. Schließlich sah ich Insekten über sein Gesicht laufen, erst da erkannte ich: Der Hungertod hatte auch Onkel Paul ereilt..."

(Kulturarchiv der Russlanddeutschen)

 
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